August 2014

Die Welt hat viel zu bieten...

"Die Welt hat viel zu bieten..." So dachte ich und ließ mich davon überzeugen. 


Als ich am 07. Januar diesen Jahres in den Flieger nach Bangkok stieg, hatte ich keine wirklichen Erwartungen an meine Reise und auch nur diesen einen Flug gebucht. Um mein Training habe ich mir schon gar keine Gedanken gemacht, wo ich doch wusste wen meiner Freunde ich treffen werde und dass man mich doch sicherlich in dem ein oder anderen Gym mal auf die Matte lässt. Abgesehen davon wäre ein wenig Pause auch mal ganz gut für mich.


Nach meiner Ankunft in einer der größten und leider auch dreckigsten Metropolen der Welt, die ich bisher sehen durfte, hieß es erst ein Mal Jetlag, Smog und Kulturschock überwinden!

Das idiotische Vorhaben vom Bahnhof quer durch die Stadt zur Backpacker road zu laufen möchte ich keinem empfehlen nachzuahmen. Ich setzte mich nach 60 min Fußmarsch, mit zwei Rucksäcken durch den freitags Nachmittagsverkehr,  bereitwillig in das nächste Tuck-Tuck und ließ mich fahren. Man fühlte förmlich die Ausmaße dieser gewaltigen Stadt und die Präsens von aber millionen Menschen lastete zusätzlich auf mir...ebenso wie die Luft auf den Atemwegen. 

Als Landei groß geworden und dem Ruf der Natur folgend setzte ich mich in den nächsten Nachtzug Richtung Norden. In Chiang Mai erwartete mich mein Freund und Schüler Felix Petzold, welcher gerade ein paar Tage zuvor seinen vierten Muay Thai Kampf bestritten hatte. Felix lebt seit September 2013 in Thailand.  Für ihn waren nun, ebenso wie für mich, ein paar Tage Erholung angesagt und so hatten wir Zeit mich in Thailand zu empfangen und unser Wiedersehen gebührend zu feiern... ;)


Schon nach zwei Tagen kribbelte es in den Gliedern und ich musste doch wenigstens mal sehen wo Felix in den letzten Monaten trainiert hatte. Die vielen Erzählungen hatten mich neugierig gemacht und die Trainingsstätte des Team Quest Thailands lud wirklich zum verweilen und Gas geben ein. Neben einem überdachten Ring und einer kleinen Trainingsfläche im Freien gibt es einen großen offenen Raum mit Mattenfläche, Cagewalls und ein paar Sandsäcken. Das Training findet zwei Mal täglich statt. Die Muay-Thai und MMA Klassen laufen hintereinander am frühen Morgen und eine weitere Muay-Thai Klasse läuft parallel mit der Wrestling / Grappling Klasse am Abend. Für strength & conditioning wird während oder nach den Trainingseinheiten gesorgt und das gängige Equipment ist alle Mal vorhanden. Die Trainingsmethoden der Thais sind für mich als Sportwissenschaftler natürlich fragwürdig, die Fähigkeiten von Dyllan Fussel, dem MMA und Wrestling Coach sind dagegen überragend und haben mich völlig begeistert. Dieser Mann hat ein Fachwissen über Wrestling & MMA welches ich woanders noch nicht gesehen habe. Und schwupp war ich wieder im Training...

Von grundlegenden Drills über arbeiten am Cage bis hin zu extra langen Sparringseinheiten mit Vollschutz ist alles vertreten. Leute aus der ganzen Welt gehen in diesem Gym ein und aus. Bleiben für ein paar Tage, Wochen oder gar für Monate. Sich gut zu ernähren, eine andere Kultur zu erleben und evtl. auch Wettkämpfe zu bestreiten ist kaum leichter als dort. 

http://tqmmathailand.com/ 


Ich hatte darüber hinaus auch noch eine weitere Empfehlung zum Training bekommen, der ich auch nachgehen wollte und so nahm ich Kontakt zu Pedro Solana Villalobos auf. Kru Villalobos betreibt eine Schule, oder eher ein Trainingscamp, etwa vierzig Kilometer nördlich von Chiang Mai. Unser erstes Treffen fand jedoch auf einem Kampfabend statt, bei dem einer seiner Schüler gegen den Lokalmatador des Abends antrat. Ich hatte nur ein flüchtiges Bild von Villalobos gesehen, dennoch erkannte ich ihn und sein Team sofort. Eine Gruppe von "Freunden" bildete eine Menschentraube und bewegte sich gemeinsam durch die Halle. Alle waren sehr traditionell und einfach gekleidet und dennoch von ihrer Herkunft grundverschieden. Sie strahlten das Credo "Alle Menschen sind gleich" aus und verhielten sich extrem zurückhaltend, sportlich fair und zuvorkommend ihren Mitmenschen gegenüber. Der Wettkämpfer von Kru Villalobos war leider auch der einzige Kämpfer des Abends der einen vollständigen Wai Kruh tanzte und dies war der beindruckenste den ich in neun Wochen Thailandaufenthalt sehen durfte. Zwei Tage später zog ich in seinem Camp ein.


Auf einem großen Hof neben Feldern und an einem Fluss gelegen unterrichtet auch er zwei Mal täglich sein eigenes Kampfsystem. Die erste Einheit startete dort um 7 Uhr in der Früh. Alle trainierenden begannen damit die Trainingsflächen zu säubern, die Pferde zu füttern und sich im Anschluss zur morgendlichen Gangmeditation zu versammeln. Nach etwa dreißig Minuten des Gehens in Zeitlupengeschwindigkeit und bewussten Atmens war jeder Teilnehmer genügend geerdet um mit Energieflussübungen zu beginnen. Die morgendlichen Einheiten waren von Gleichgewichtsschulung, Druck und Zugtechniken, korrektem Fallen und Aufstehen und Sensibilisierungsdrills, wie man sie aus dem Kung Fu her kennt, durchsetzt. 

Nach der ersten Einheit wurde meist zusammen in der nächsten Garküche gefrühstückt. Den Tag über konnte man auf dem Dorfmarkt oder in den nahegelegenen Bergen verbringen, Wasserfälle besuchen oder einfach nur durch die Wälder streifen. 

Zum frühen Abend hin wurde dann das zweite Training eingeleitet. In dieser Einheit waren die Schrittarbeit, grundlegende Schlag- & Tritttechniken in Angriff und Abwehr und die Kombinationen aus simultaner Abwehr und Angriff meist Thema. Kru legte viel Wert auf Gleichgewicht, Genauigkeit von Bewegungen, Körperzusammenschluss & Energiefluss und den bewussten Umgang mit den erlernten Fertigkeiten. Die thailändische Tradition, der Umgang mit seinen Mitmenschen und der Natur waren ihm sehr wichtig. So wurde auch zur monatlichen Mondwende jeweils ein Stück "zurück gegeben". Alle Schüler versammelten sich dann zum Müll sammeln in der näheren Umgebung, gingen den Mönchen in einem Kloster bei der Arbeit helfen oder es wurden andere caritative Aktionen durchgeführt.

Nach dem Abendlichen Training wurde oft gemeinsam Gegessen, geredet oder einfach ein weiteres Mal zusammen meditiert. Meine Zeit dort wurde auf das Minimum an Konsum beschränkt und auf die grundlegenden Bedürfnisse herunter gebrochen. Für jeden der vom "Alltagsstress" geplagt ist und mal runter kommen möchte ist es sicherlich eine gute Erfahrung dort einige Zeit zu verbringen. Ich kehrte sogar nach ein paar Wochen des Reisens im Süden Thailands noch ein weiteres Mal für eine Woche zurück.

http://muaysangha.com/

 

Nach meiner Zeit in Thailand besuchte ich einen meiner besten Freunde in Australien und landete Mitte März in Melbourne. Dort wurde ich sofort in die BJJ Klassen unter der Leitung von Richard Norton geführt. Wer ihn noch als Schauspieler kennt sieht den meist kämpfenden Bösewicht vor Augen welcher mit Koryphäen wie Jacky Chan, Don Wilson, Benny Urquidez und so weiter auf der Leinwand stritt. Darüber hinaus war er jedoch auch Bodyguard für die Rolling Stones, ABBA und unter anderem James Belushi. Als einer der besten Freunde von Chuck Norris schmunzelt man natürlich ein wenig jedoch habe ich nie einen Mann mit einer solchen Erfahrung, Leidenschaft und Leistungsfähigkeit im Alter von 64 Jahren gesehen. Auch wenn ich Graduierungen nur für einen Richtwert halte ist Professor Norton nicht umsonst mehrfacher Schwarzgurt in verschiedenen Kampfkünsten und für mich am interessantesten 4th degree Black Belt unter Jean Jaques Machado.


Sein Training war, unter anderem, ein Grund für mich gute fünf Monate in Melbourne zu leben und von ihm zu lernen war ein wahrer Genuss. Seine Detailverliebtheit, gerade im BJJ, nötigte mich des Öfteren sofort nach den Einheiten Notizen zu machen. Seine amüsante und begeisternde Art zu unterrichten kann man nur mit "Hingebungsvoll" bezeichnen. 

Für mich als langjähriger Lutadore war die Umstellung und Gewöhnung an das Training mit dem Gi zwar nicht so leicht jedoch habe ich das Grapplinggame aus einer völlig anderen und für mich neuen perspektive kennen lernen dürfen. Weitere Trainingseinheiten mit einem Schüler von Prof. Norton, Stewie Moulden, welcher eines der erfolgreichsten Wettkampfteams im Bundesstaat Victoria leitet und die Australische Nationalmannschaft im Judo mit Bodenkampftechniken versorgt haben mich auch bereichert. 

Zum Ende meines Aufenthaltes habe ich noch einige andere Gyms in und um Melbourne besucht. BJJ genießt ein hohes Ansehen und eine weite Verbreitung in Down Under und ich wurde überall herzlichst willkommen geheißen.

 

Als ich mein Visa für Australien verlängern musste lag die Möglichkeit recht nahe einen Trip nach Indonesien zu machen. Ich war sowieso gerade dabei das Surfen zu lernen und da kam die Empfehlung eines Freundes doch nach Bali zu gehen und dort ein wenig mehr zu lernen. 

Recht hatte er und im Gegensatz zum  Winter in Melbourne war es in Indonesien weit wärmer und die Wellen auch beständiger. Surfen verbessert ja auch bekanntlich das Gleichgewicht und schwimmen ist regenerativ. So dachte ich wieder: "Ein wenig Pause tut dir ganz gut."


"Where are ur ears from? Are u a fighter?" hörte ich nach ein paar Tagen jemanden rufen während ich auf meinem Longboard vor der Küste von Changgu auf das nächste Set Wellen wartete. Ich drehte mich grinsend um, freudig wohl auf einen gleichgesinnten getroffen zu sein. Schnell hatten wir uns ausgetauscht und ich war sofort eingeladen am nächsten Tag in Seminyak zum Mittagstraining zu kommen. Auf Bali ist es mittags um 13uhr genau so warm wie man es vermutet, dennoch ließ ich mir die Gelegenheit nicht entgehen. Auf dem Roller bereits eine Stunde in der Mittagshitze zu braten war es wert. 

In einem zweiten Stock mit vielen Deckenventilatoren fand ich das Dojo Aora, in dem unter anderem Kickboxen, MMA, BJJ und Judo angeboten wird.  Eine große Freifläche mit kleiner Theke am Eingang, der Wartebereich mit vielen Kissen zum rumgammeln ausgestattet und an fast allen Seiten gibt es Fenster und Balkone. In der hinteren Ecke ein Cage, Sandsäcke und Dummy's, ebenso wie verschiedene Mattenflächen. Hier sah es nach "Arbeit" und hartem Training aus. Wir waren nur wenige Schüler auf der Matte, der Headcoach war leider auf Seminartour jedoch leitete einer seiner Schüler ein gutes Training. Beginnend mit einem leichten Stretching und Mobilisierungsübungen ging es recht schnell an kleinere Positions- und Submissiondrills. Ein wenig Basics um den Armbar und die grundlegenden Befreiungen wurden auch geübt. Später gab es Handschuhe und ein paar Cagewall drills zum praktizieren. Zum Abschluss konnten wir noch was rollen. Leider waren nur noch drei von uns in der Lage dazu, den Rest hat die Hitze dahin gerafft.


Da man ja auch im fernen Ausland nicht vor Deutschen sicher ist lernte ich sogar hier jemand aus der Heimat kennen. Die Bewegungshandschrift kam mir schon nach den ersten Drills bekannt vor und so erfuhr ich später das ich diese Einheit mit einer Schülerin von meinem Freund Sebastian Baron trainieren durfte. Ein schönes aufeinandertreffen am anderen Ende der Welt! ;)