Februar 2014

Die Hölle von Rio

Zur rechten Hand Gottes... trainiert das Stocki
Zur rechten Hand Gottes... trainiert das Stocki

Brasilien, Rio de Janeiro, Drogen, Gangster, Feuergefechte in den Slums... Wer so etwas erwartet, kann gleich wieder aufhören zu lesen.

 

Ich wollte euch nur anlocken – hat ja auch geklappt – und nun gibt es die wahre Geschichte zu meinem Training im Headquarter des Brazilian Top Teams.

 

Eins noch: Die Überschrift „die Hölle von Rio“ ist gar nicht so falsch. Ich bin fest davon überzeugt, dass in Rio der Teufel die Fahrschule für Busse leitet. Kein Busfahrer, der etwas auf sich hält, wird hier langsamer, nur weil etwa Menschen auf der Strasse sind. Warum auch, er hat ja eine Lichthupe und das Gaspedal. Egal wie alt, ein „Carioca“ verschwinden von der Strasse, wenn ein Bus kommt. Aber der Reihe nach ...

 

 

Warum BJJ in Rio? Weil es BJJ in Rio ist.

 

Nach einem langen Flug empfing mich Rio mit müden 32 °C im Schatten. Ankunft im Hotel, ab aufs Dach, Rundblick, lächeln und im Tiefflug ins Zimmer zum Ausschlafen. Der nächste Tag sah schon ganz anders aus. Am frühen Morgen ging es zu Fuß ins Paradies. Entlang am kilometerlangen Traumstrand von Ipanema während einem bei wunderbarem Wetter die Sonne aufs Haupt ballerte. Google Maps petzte und ich hatte den Weg zu meinem Ziel, dem „Associacao Atletica Banco do Brasil“. Ein riesiger Sportclub, auf dessen Gelände neben einem Schwimmbad, Tennis- und Volleyballplätzen auch das Headquarter des weltberühmten „Brazilian Top Team“ zu finden ist, das unter der Leitung des wohl nahezu genauso bekannten Murilo Bustamante steht.

 

Murilo Bustamante ist nicht nur UFC Kämpfer und 5ter Dan im BJJ: Er ist auch ein hervorragender Lehrer und unterrichtet in Rio gemeinsam mit Augusto Oliveira genannt „Vava“. Aber dazu später mehr. Im Grunde ist jeder, der beim „Brazilian Top Team“ trainieren will, immer willkommen. Genauso macht es einem die Freundlichkeit der Brasilianer auch bei anderen Schulen und Teams in Rio leicht, einen Einstieg in die Welt des brasilianischen BJJ zu finden. Zwei Freunde von mir, Jan "Henning" Bode und Peter Schira, die ihr über die unterlegten Links auf Facebook findet, können euch sicher auch mit Rat zur Seite stehen, wenn ihr in Brasilien trainieren wollt.

 

Sollte jetzt von euch der Schrei nach Fotos kommen, muss ich euch enttäuschen: Im BTT Headquarter ist das Filmen und Fotografieren verboten. Meine Ausnahme-Aufnahmen im BTT Headquarter waren nur durch die Empfehlung von Fernando Paulon möglich. Aber auch wenn es erlaubt wäre: Alle sind „nur“ dort, um zu lernen und BJJ oder anderes zu trainieren. Auch MMA, Boxen und Muay Thai Boxen werden hier angeboten. Nichts ist hier wichtiger, als das Training… naja eventuell noch die kleinen Affen, die auf den Bäumen vor der Schule auf die Bananen der Sportlern lauern. Die drohenden Muskelkrämpfe nahm ich gerne in Kauf und „spendete“ ein Teil meiner Bananen regelmäßig. Wilde Tiere, die sich eigentlich nur die Sachen holen, die vergessen und/oder verloren gingen. Theoretisch läuft es so: Mensch weg, Affe da, Futter weg. Die Wirklichkeit sieht aber so aus: Affe da, SEIN Futter weg. Das wird dann in die Bäume verschleppt und fast gerecht geteilt.

Trainingscamp-Beginn: 7 Uhr morgens. Zeit für BJJ.

 

In meiner ersten Woche begann mein Training frühmorgens bei Ricardo Neira. Der sympathische BJJ Black Belt unterrichtete in einer freundlichen Art und ruhigen Art. Nach einer kurzen Erwärmung bei oft fast schon 30 °C konzentrierten wir uns im Training auf eine Technik und achteten dabei auf jedes Detail. Man nimmt sich hier Zeit. Auch wenn danach auch noch Bodensparring auf dem Programm steht - übrigens; das geht so lange, wie man Lust hat. Als Ricardo Neira am Ende der ersten Woche zu einem Lehrgang in die Türkei aufbrach, wechselte ich die Gruppe und begann mein Morgentraining 10:30 Uhr. Ich sollte es nicht bereuen, denn um diese Zeit sind richtig viele Sportler da. Das System war aber auch hier dasselbe: eine Technik, an dieser feilen, dann Bodensparring.

 

Mein zweites Training am Tag startete ich um 19:30 Uhr. Um diese Zeit unterrichtet Murilo Bustamante zusammen mit Augusto "Vava" Oliveira oder Vava hielt das Training allein. Am Abend sind die meisten Braun- und Schwarzgurte im Gym – die anderen Farben fehlen natürlich auch nicht. Es wird echt brasilianisch unterrichtet, aber beide Trainer achteten nicht nur auf die Kleinigkeiten bei den Techniken sondern auch auf Varianten und Abweichungen z.B. wenn der Gegner sich nicht wie erwartet bewegt. Vava erklärte mir gerne die strategischen Anwendungen und Prinzipien der Techniken, was mir mit meiner deutschen Sozialisierung sehr gelegen kam. Er achtet ebenfalls darauf, dass er mit jedem seiner Schützlinge selbst Bodensparring macht, um dann nach diesen Einheiten jeweils auf die individuellen Fehler einzugehen und selbstverständlich zeigte er uns mögliche Lösungen. Seine ruhige Art zu unterrichten war mir von Anfang an sympathisch und half mir dabei, mich beim Training immer wohlzufühlen – obwohl es oft an die Grenzen der Belastbarkeit ging.

 

Das Trainer Team des Brazilian Top Teams besteht aus sehr sehr vielen guten Schwarzgurten und wenn man sich die „Ausbildungslinie“ von Murilo Bustamante anschaut, so sieht man die Wurzeln des BJJ. Die Liste ist nicht so lang, schaut sie euch ruhig an:

 

- Mitsuyo Maeda der Stilbegründer unterrichtete die Legende

- Carlos Gracie, der gab sein Wissen an

- Carlson Gracie weiter und dieser an

- Murilo Bustamante.

 

Zusammenfassend kann ich sagen dass die Trainer im BTT einen echten Wissens- und Erfahrungsvorsprung haben. Wenn man bei ihnen trainiert spürt und erlebt man, bildlich gesprochen, dass man aus einer Quelle trinkt, die noch nicht durch viele andere Sachen getrübt ist…

Großstadt plus Dschungel ist gleich: Rio!

 

Zwischendurch hatte ich tatsächlich auch noch Lust darauf, etwas anderes zu tun als zu trainieren. Auch wenn BJJ eigentlich alles durchzog, zum Beispiel als Alexandre, korrekt Alexandre Ricardo Ricardo, uns am Feiertag in einem Nationalpark an den Hängen von Rio ein paar Wasserfälle zeigte. Diese Stelle wird man auf keiner Karte finden. Doch bevor es losging, was machte da der BJJ Schwarzgurt und MMA Fighter? Richtig, er und seine Frau luden ein paar Freunde ein und man trainierte ein „wenig“ BJJ. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch Luciana Neder, die wie ihr Mann BJJ Black Belt ist, kennen und schätzen. Die brasilianische Trainerin, die schon in Dubai Frauen unterrichtete, zeigte mir eine simple Art mit der Fallschule zu beginnen. Obwohl ich seit meinem sechstem Lebensjahr Kampfsport mache, bin ich von diesem mir unbekannten Gimmick so begeistert, dass ich es in Zukunft auch bei meinem eigenen Unterricht einsetzen werde.

 

Außer Training in Rio kann ich euch auf jeden Fall auch empfehlen:

- den Botanischen Garten,

Acai trinken oder löffeln,

unbedingt die Saftbars besuchen und so viel wie möglich lecker und frisch essen. Zuckerhut und die Jesusstatue nehme ich mir für das nächste Mal vor.

 

Falls ihr euch jetzt ebenfalls auf den Weg machen sollten – vergesst nicht, wenn ihr über die Straße geht: Seid ihr in Rio, achtet auf eins, der Teufel hat seine Schüler unter den Busfahrern versteckt ;)

 

 

 

 

 


....und noch ein paar brasilianische Impressionen für diejenigen die es bis hier runter geschafft haben ;)